Jüri Reinvere. Review to Dorian Supin’s documentary “Arvo Pärt – even if I lose everything”

JÜRI REINVERE | Review to the documentary “Arvo Pärt – even if I lose everything”, dir. Dorian Supin. Minor Film, 2015.
Published in Berliner Zeitung, 11. Sept 2015

Der berühmteste Komponist unserer Gegenwart wird 80
Jeder hat schon einmal Kompositionen von ihm gehört, aber die wenigsten wissen das. Die Musik von Aervo Pärt wird gern in Kinofilmen verwendet, besonders sein Stück „Fratres“. Am 11. September wird der Komponist 80 Jahre alt.

Traut man der Statistik, dann ist Arvo Pärt der berühmteste Komponist der Gegenwart. Seine Musik, die in ihren reinen Tonleitern und glockenklaren Dreiklängen so einfach erscheint, wird in Konzerten am meisten gehört, auf CDs am meisten gekauft und in allen Filmen, die nach Transzendenz suchen – oder nur mit ihr kokettieren –, wie im Reflex benutzt. Solch einem Komponisten kann man kaum nahe kommen, sei es mit oder ohne Kamera.

Erstens hat die Berühmtheit, zu der es seine Musik in den vergangenen vierzig Jahren brachte, eine Schutzmauer rund um Arvo Pärt errichtet, wohinter sich die Normalität des Lebens geheim, aber weise fortpflanzt. Zweitens reden Komponisten generell nicht gern, auch Arvo Pärt gehört zu ihnen – und wenn die Kameras kommen, schweigen sie gleich ganz und sagen kein Wort mehr. Drittens ist es fast unmöglich, einen Film darüber zu inszenieren, was Pärt stets als Rätsel des Lebens betrachtet hat: Das Geheimnis, woher eigentlich die Musik kommt.

Über Pärt, der bis vor zehn Jahren in Berlin lebte, wurde in seinem Familienkreis zum 80. Geburtstag – der heute in seiner Heimat Estland groß gefeiert wird – ein Porträtfilm gedreht, den man Ende Oktober beim Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilme sehen kann. Menschen, die Pärt nahestehen, haben diesen Film gemacht. Sogar seine eigenen Söhne waren dabei, teilweise mit versteckten Kameras – und kamen ihm so nah wie nie zuvor.

Man sieht, wie von einem Hauch gestreift, viele alltägliche Momente aus Pärts Leben: Private Sätze, die er mit seiner Frau wechselt, manchmal fast geflüstert, manchmal grob und lustig, oft im Grau der Normalität. Man sieht seine Kinder, die Familiengeburtstage und Journalisten, die Pärts Erbe für die Nachwelt festzuhalten suchen.

Sie stellen dem Komponisten alle möglichen Fragen, worauf der Meister mit gutem Willen zu antworten versucht. Sehr viel Herz ist dabei: Der Film wird schön, ein Porträt in Pastell-farbenen Tönen, fast fliehend, sich über die Wolken, die von Pärts Sohn gefilmt wurden, hebend – und vieles gleitet dahin wie im Traum.

Der Film wird eher von Pärts Musik begleitet, als dass er dessen Musik begleiten würde. Seine Form ähnelt allerdings Pärts Musik durchaus: Die motivischen Szenen, fleißig hintereinander gereiht, kommen auf den ersten Blick nur unverbindlich miteinander zurecht; dann aber passiert, was auch – im besten Falle – mit der Musik geschehen kann: Plötzlich versteht man, dass es irgendwo eine Struktur gibt – eine Form, die dennoch flüchtig ist, so als wäre sie ein Mysterienspiel und keine Baustelle. Man versteht, dass all das, was man nicht zu hören vermochte, wichtiger ist als das, was man hörte. Musik erscheint eher wie eine Frage, ein Atem, eine Illumination von irgendetwas, das – unscheinbar – immer da ist.

Ich bin seit langem der Meinung, dass Arvo Pärt mehr ist als ein Komponist: Vielleicht wäre er, der zur russischen Orthodoxie übertrat und seit fast vierzig Jahren – anfangs gegen die Widerstände des sowjetischen Staatsatheismus – nur noch geistliche Musik erschafft, besser definiert als ein Theologe, der allerdings keine Texte schreibt und sich stattdessen um seine Musik kümmert wie ein Mönch um seine Bienen.

Seine Theologie ist eine Theologie des Paradoxen: Von der Schönheit des Verschwindens bis zur Katharsis der Sünde. „Man muss nicht beim Alltag anfangen“, sagt Pärt in dem Film – und doch wird durch den gezeigten Alltag etwas Wichtiges geleistet. Man geht ins Kino und erwartet, gelenkt durch den Titel, ein blutiges Selbstbekenntnis: „Arvo Pärt: Auch wenn ich alles verlieren würde“. Die Schlussszene des Films zeigt, wie Pärt in seinem Tagebuch liest: „Auch wenn ich alles verlieren würde“. Dann schüttelt er seinen Kopf: „Was für ein Quatsch! Das bedeutete ja, dass all das, was uns umkreist, mir unwichtig wäre.”

Der Film von Dorian Supin, Pärts Schwager, hält in unserer produktorientierten Welt viel Wertvolles bereit. Er ist ein wahrhaftiges Porträt von einem ehrlichen Mann, mit dem man auch anderer Meinung sein darf. Er ist gerade kein Film, der einen schon berühmten Mann noch berühmter zu machen versucht – ganz so, als würde er kirchliche Zeitschriften vor Wohnungstüren unter die Leute bringen wollen, statt den Mann hinter seiner Musik verständlicher zu machen. „Auch wenn ich alles verlieren würde“ ist ein Film mit so knappen Mitteln, dass man am Anfang schlimmste Befürchtungen hegt: Doch in die berühmte Falle des taoistischen Primärschreis tappt er nicht.

So etwas schaffen nur Menschen, die ihr Objekt wahrhaftig verehren und es nicht besser machen wollen, als es ist. In diesem Film wird eher durch Reduktion als durch Addition viel über das Leben erzählt – das Leben als Gegenteil des Todes, der immer ewiger wird durch die Musik, wie Arvo Pärt sagt. Denn Musik und Zeit haben etwas Wesentliches miteinander zu tun. Nur kann kaum ein Mensch sie beide greifen: Arvo Pärt gesteht, ihm gelinge das nur selten.

Source: Berliner Zeitung